Der Ansatz der Arbeit

Neues Leben         Heilung         Schulbildung         Resozialisierung         Rückkehr zu der Familie


Der Ansatz der Arbeit

Der Ansatz des gesamten Projektes wird in der Straßenkinder-Pädagogik als ‚subjektorientiert’ bezeichnet: „Subjektorientierung bedeutet, das Kind oder den/die Jugendliche/n in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Dabei werden die Kinder nicht unter dem Aspekt der Gefährdung, Drogenabhängigkeit oder Straffälligkeit gesehen, sondern die Überlebensstrategien, die sich die Kinder auf der Straße geschaffen haben, werden als Potential erkannt und genutzt. Der Lebensort wird als Lernfeld anerkannt ohne die spezifischen Gefahren der Straße zu verkennen.“36
Die Kinder wurden einer ‚normalen’ Kindheit beraubt und mussten ihr Leben selbst in die Hand nehmen, gleich welchen Alters. Sie erlitten dadurch zwar viele Verletzungen, haben aber auch eine Entwicklung durchgemacht, die ihren Charakter bereicherte. Das Leben in der Gruppe und der tägliche gemeinsame Kampf lehrte sie so manches Wertvolle wie z.B. fürsorgliche Gemeinschaft, gerechtes Teilen, Durchhalten in Krisen, sich mit den Umständen arrangieren und Alternativen suchen. Was diese Eigenschaften angeht, sind sie anderen Kindern weit voraus und bringen viel Positives bereits mit, was manche Gleichaltrigen oder sogar Erwachsene erst langsam lernen müssen. „Dieser Ansatz setzt also weniger an den vorhandenen Defiziten der Kinder an, sondern an ihren vorhandenen Kompetenzen und versucht, diese durch pädagogische Intervention zu optimieren.“2
Die Kinder werden nicht als Objekte der Fürsorge gesehen, sondern als aktive Menschen „mit eigenen Sichtweisen, Fähigkeiten und Urteilen. Sie sollen als Partner respektiert, nicht nur geschützt werden. Sie selbst können eine wesentlichen Beitrag zur Verbesserung ihrer Situation leisten.“31 Damit sie sich dessen bewusst werden, müssen sie zuerst verstehen, dass ihnen eine bessere Situation zusteht. Sie lernen ihre Rechte kennen und erfahren, was ihnen eigentlich bisher vorenthalten wurde. „Dieser methodische Ansatz betrachtet Kinder als Subjekte, denen Handlungskompetenz zugeschrieben wird und die deshalb in der Lage sind, sich selber und ihre Interessen zu vertreten. (...)

Das Wichtigste dabei ist, dass die ‚Geschichte’ der Kinder ernst genommen wird und ihnen aktiv Selbst-Bewusstsein ihrer strukturellen Vernachlässigung vermittelt wird.“2 Die tatsächlichen Umstände in der Gesellschaft und in ihren eigenen Familien werden ihnen nicht verheimlicht oder beschönigt. Es geht dabei aber nicht darum, einen Schuldigen für ihre Situation zu finden – sie sollen vielmehr die Gründe erkennen, die dazu führten, dass sich das Leben ihrer Eltern und damit ihr eigenes Leben so entwickelt haben und werden dazu ermutigt, die persönlichen Möglichkeiten zu  nutzen, um eine positive Wendung herbeizuführen und durch ihr Handeln nicht nur die gesamte Familiensituation, sondern als Teil der neuen Generation auch die Situation des Stadtviertels und sogar des Landes zu beeinflussen.
„Das Kind oder der/die Jugendliche als soziales Subjekt hat nicht nur Anspruch auf Respekt, sondern auch auf Autonomie und Partizipation. Es ist handelndes Subjekt, das auch als Träger gesellschaftlicher Veränderung verstanden wird. Somit distanziert sich die Subjektorientierung deutlich von jeglichem Fürsorgemodell, von einer Defizitorientierung und von einem Kindheitsbild des Schonraums.“36


Hinweis: Die Nummern hinter den Zitaten verweisen auf die Literaturliste und entsprechen den laufenden Nummern in der Liste.